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Luis auf Schanzen-Tournee: beim Weltcup-Finale 2016 in Planica, Teil III

am 01.07.2016

Wie versprochen kommt nun der dritte und finale Teil vom Rückblick des Saisonfinals in Planica. Unser Kolumnist Luis Holuch hat fleißig in die Tasten gehauen und einen XXL-Artikel geschrieben. Darin geht es um Freundschaften, Begegnungen und einen Sonntagabend, der einen komplett anderen Verlauf nahm als gedacht. Passend zum Auftakt der Sommersaison ist nun also auch für uns die letzte Wintersaison abgeschlossen und wir wünschen viel Vergnügen beim Lesen!

Luis auf Schanzen-Tournee

von Skisprungschanzen-Archiv-Autor und -Fotograf Luis Holuch

Der Rücktransport an diesem Samstag verlief ausgezeichnet, weshalb wir schon um halb eins wieder in Kranjska Gora ankamen. Schnell huschten wir in den Supermarkt, um noch für Lebensmittelnachschub zu sorgen und dann ging es zur Mittagsruhe in unser Apartment. Bis zur Bundesliga spielten wir einige Runden Skat und genehmigten uns eine ausgiebige Mittagsmahlzeit. Draußen im Ort herrschte ein angenehmer Lärmpegel und hier und da war auch die Harmonika zu hören. Auf den durchweichten Skipisten rodelten einige Kleinkinder, die Lifte waren bereits wieder abgeschaltet worden. Zwar stach hier die Sonne nicht ganz so krass wie in Planica, aber es war trotzdem sehr angenehm draußen. Die Vorfreude auf den Abend war groß, schließlich sind am Samstag die meisten „Promis“ anzutreffen und dementsprechend schwelgten Brian und ich noch in Erinnerungen an letztes Jahr und erzählten Marc davon. Es gibt ja diesen, wie ich finde, abgedroschenen Spruch für Las Vegas „what happens in Vegas, stays in Vegas“. Vielleicht finde ich ihn aber nur deshalb abgedroschen, weil ich nie dort gewesen bin und dementsprechend keine Ahnung habe, wie es dort zugeht. Für Planica/Kranjska Gora jedenfalls gilt er nur in absoluten Ausnahmefällen. Dass es Menschen, ja auch Skispringer, gibt, die über die Stränge schlagen, ist ja auch nichts Neues, auch nichts Ungewöhnliches und noch weniger Verwerfliches. Hier wird halt mal die Sau rausgelassen, es ist Planica. Auf der Springerparty geht es sehr gesittet zu, habe ich mir sagen lassen. Es ist ein geselliges Beisammensein und jede Nation fährt ihre Spezialitäten auf. Bei uns war die Stimmung auch gut. Wir saßen gemütlich beisammen, scrollten durch unsere Fotos und Videos, hatten gute und laute Musik laufen und genehmigten uns das zurecht berühmte Rothaus Tannenzäpfle.

Mit einer slowenischen Freundin versuchte ich im Laufe des Nachmittags ein Treffen für Sonntag nach dem Wettkampf zu arrangieren. Auch das gestaltete sich als nicht ganz so einfach. Manchmal ist Kreativität eben auch ein Hindernis. Die war schließlich auch zu Abend gefragt. Wir vier Jungs in der Clique (Brian, Marc, Mario und ich) wollten uns zum Abendessen im Bor treffen. Leider war der Laden hoffnungslos überfüllt. Doch, da die anderen sich zu verspäten und dazu auch schon etwas angeheitert zu sein schienen, ließ ich mich auf die Warteliste setzen. Vor mir war eine sechsköpfige Gruppe, zu der unter anderem Lasse Ottesen (selber früher Skispringer und heute Renndirektor der Nordischen Kombination) gehörte. Solchen Herrschaften lässt man natürlich gerne den Vortritt. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der vermeintlichen Schludrigkeit der Anderen.

Eine Familie räumte den Tisch unmittelbar vor dem Arbeitsplatz der beiden Pizzabäcker und man bat mich dorthin. In leichtem Frust bestellte ich mir bei der netten Kellnerin ein Glas Rotwein. Ich hatte just die Speisekarte zugeschlagen und wollte gerade meine Pizza bestellen, da kamen die drei Jungs herein. Mit High-Five bedankten sie sich bei mir für meine Geduld und meinen Einsatz. „Sorry, aber sie haben mir mein Handy weggenommen und dir diesen Stuss geschrieben. Ich hab damit nix zu tun“, entschuldigte sich Brian bei mir. Und selbst Mario, der sonst jeden Scherz mitmachte, bestätigte dies. „Naja, ist schon okay. Ein bisschen Spaß muss sein, aber nochmal stehe ich nicht alleine an hier“, sagte ich. „Punkt für dich, das nächste Mal macht’s einer von uns“, sagte Marc. Die drei bestellten sich ein Bier und wir stießen an. „Jungs, Butter bei die Fische: wir haben doch gestern am Nachbartisch diese extravagante Pizza gesehen. Wer ist so mutig und bestellt eine?“, fragte ich keck. Vier Finger schnellten in die Höhe und damit war beschlossene Sache: wir probieren die Kebab-Pizza. Die Kellnerin gratulierte uns zu dieser Entscheidung.

„Wir haben nicht nur die beste Pizza bestellt und die beste Kellnerin – wir haben auch den besten Platz, um den Jungs beim Pizza machen zuzusehen“, meinte Marc, ganz unbescheiden. Doch es war ja so, Brian und Mario mussten sich nicht mal umdrehen, um zu sehen, was die beiden Bäcker anstellten. An sich war unsere Pizza zunächst erstmal wie eine Margherita: Teig, auf dem Käse und Tomatensauce kam. Das Ganze für etwa sechs Minuten in den Ofen. Dann holten die Bäcker die Pizzen aus, verstreuten das Kebab darauf und schoben die Pizzen nochmal für zwei Minuten in den Ofen. Dann kamen die Pizzen auf die Teller, Kräuter-Knoblauch-Sauce des Hauses drauf und fertig war die Kebab-Pizza. Die Kellnerin stellte die Pizzen vor uns hin und wir schmachteten dem Anblick und Geruch. „Also mal ganz im Ernst: Pizzabäcker Don Antonio würde jeden mit seinem Pizzaschieber verhauen, wenn er so eine Pizza sähe, ABER: wie geil ist das denn bitte?!“, grinste ich. „Das ist mir total wurscht, wenn das Teil jetzt noch so schmeckt wie es aussieht“, lachte Mario. „Guaden!“, sagten wir uns und legten los.

Das Essen war ein echter Gaumenschmaus, wir waren hellauf begeistert. Mächtig war die Pizza zudem auch noch, sodass Brian, Mario und ich unsere Pizzen nicht vollständig verputzen konnten. Aber wir hatten ja noch die Essensvernichtungsmaschine Marc am Tisch, der sich die übrig gebliebenen Stücke in aller Seelenruhe reinschraubte. Bevor die Sause dann richtig losgehen sollte, gingen wir nochmal aufs Zimmer. Die Anderen sahen leicht verwüstet aus und auch ich fühlte mich noch nicht hundertprozentig wohl. Wir waren gerade so weit durchzustarten, als Brian zu den Anderen bestellt wurde. Weil ich noch auf die Antwort meines Freundes Anže wartete, ließ ich die drei Jungs ziehen und wir vereinbarten, uns einfach später im Vopa zu treffen. Den Schlüssel hatte eh, wie immer, ich. Kurz nachdem die Jungs verschwunden waren, schrieb Anže mir, dass wir uns an diesem Abend oder eben am nächsten auf einen Drink treffen könnten. Ich dachte mir »ach, was soll's...du wirst schon jemanden im Vopa treffen« und machte mich auf den Weg. Bereits jetzt war es dort rappelvoll, doch nach dem ersten Bier hielt ich es dort nicht mehr aus und machte mich auf den Weg zu meinen polnischen Kumpels.

Die Jungs waren ebenso überrascht wie erfreut ob des Besuchs. Artur hatte eine alte VHS-Kassette in den Rekorder geschoben und es flimmerten einige alte Sprünge über den Bildschirm. Paweł war noch um diese Zeit (viertel nach zehn/halb elf) am Arbeiten, Mikołaj daddelte an seinem Smartphone, während Michał sich um die Getränke kümmerte. Maciej war im Schlafzimmer und machte sich frisch. Wir saßen am Tisch und unterhielten uns, als Artur den Videospielklassiker (zumindest unter Skisprungfans) Deluxe Ski Jumping 4 startete und fragte, wer mitspielen wollte. Es versprach lustig zu werden, also schloss ich mich der Zockertruppe an. Was nun folgte war ein Battle der Giganten – naja fast. Artur, der Profi, bastelte sich den ehemaligen niederländischen Springer Boy van Baarle als Avatar. Michał entschied sich für einen fiktiven Rumänen, während ich das Los Südkorea zog und fortan als Lun Hol Us unterwegs war. Und Paweł, der nun auch mitspielen wollte, war ein Spanier. Wir spielten eine fiktive Weltcupsaison und wie immer bei solchen Videospielabenden wurde die Lautstärke und Begeisterung von Minute zu Minute immer größer. Ist ja auch klar, wenn mindestens ein Pole und der Deutsche in der Gruppe in ihren Kommentator-Modus fielen. Nicht selten fiel der polnische Begriff für Schanzenrekord »nowy rekord skocznie« oder ein einfaches »oooh«, wenn der Niederländer, der Rumäne, der Spanier oder der Koreaner den Sprung abbrechen musste oder stürzte. Im Ergebnis war es eine klare Sache: Artur gewann haushoch vor Michał, Paweł und mir. Just, als ich einmal zumindest Zweiter wurde, kam Maciej nach unten und schaute interessiert zu. „Wer kommt mit ins Vopa?“, fragte er dann. „Ich, na klar!“, antwortete ich sofort und auch Paweł wollte nochmal losziehen. Mikołaj wollte später nachkommen, während Michał und Artur nicht so wirkliche Lust verspürten. Paweł traf unterwegs noch einen Freund und so gingen Maciej und ich vor.

Wir mussten nicht allzu lange in der Schlange draußen warten und stürzten uns dann direkt ins Vergnügen. Auf direktem Wege gingen wir zur Theke, bestellten uns Drinks und stießen an. Ansonsten ist das Unterfangen Drinks bestellen recht aussichtslos. Die Stimmung war dennoch ausgelassen und man sah viele bekannte Gesichter. Als der DJ dann um zwanzig nach eins die im ersten Teil dieses Rückblicks bereits dokumentierte Playlist-Passage („Trompetenecho“ und dann „Animals“) war der Spaß dann für Maciej vorbei. Den Kopf schüttelnd lehnte er sich gegen eine Säule und schaute dem Treiben zu. Die Tänzer tobten und johlten und ich überlegte kurz, was ich nun machen würde. Aber ich dachte mir »ach, was soll’s?! Es ist der letzte Abend hier drin, also Vollgas«!

Ich begegnete zwei Mädels aus unserer Clique und auch den Schwarzwäldern vom Donnerstagabend und wir feierten freudig unser Wiedersehen. Bis um halb drei blieb ich noch im Club, dann traf ich mich mit Brian und Marc vor dem Supermarkt und wir gingen hoch aufs Zimmer. Die Beiden waren etwas durchgefröstelt und Marc verzog sich auch schnell ins Bett. Brian konnte ich noch zu einem Scheidebecher überreden. Wir ließen das Wochenende etwas Revue passieren und plauderten die Frauenwelt. Ohnehin sind diese Freundschaften, wo man sich nur wenige Male im Jahr sieht, dann doch wirklich besonders, man tauscht sich ganz anders aus und erzählt vielleicht auch mal Dinge, die mit (geografisch) engeren Freunden vielleicht nicht zur Sprache kommen. Nicht zuletzt, weil man sich über ein gemeinsames Interesse kennengelernt hat und ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Um kurz vor vier entschieden wir uns schließlich doch noch für eine kurze Runde Schlaf.

Die Atmosphäre am nächsten Morgen an der Schanze war wieder Planica-like. Alle wussten, es ist der letzte Wettkampf der Saison und so genoss man das Ganze auch. Ganz gleich ob den 10-Stöcke-Flug von Simon Ammann, die 245 Meter von Johann André Forfang oder die wiederholten Top-Leistungen von Peter Prevc und Robert Kranjec, man nahm alles mit einem lachenden und einem weinenden Auge wahr: es war schön, dabei gewesen zu sein, aber nun wurde die Saison verabschiedet und die Pause eingeläutet. Mehr als bei den letzten beiden Saisonfinals wurde ich melancholisch – einfach, weil es meine einzige Reise war und ich den Winter aus vielerlei Gründen nicht so richtig auskosten konnte. Auch die Zeit der Abschiede wurde so langsam eingeläutet, da einige (neue) Freunde und Kollegen schon nach dem Springen wieder nach Hause aufbrachen, darunter Basia und Michał. Einen Bus zu bekommen war kein Problem, vielmehr das Ankämpfen gegen die Wehmut, wenn man zum letzten Mal das Planica-Tal verlässt. Wir waren auch müde und hatten einen fortwährenden Ohrwurm der slowenischen Nationalhymne »Zdravljica«.

Das Bedürfnis nach Siesta und einem Snack war groß. „Irgendwie ist es doch wie letztes Jahr, am Sonntag geht irgendwie nicht mehr allzu viel“, stellten Brian und ich fest. Das Örtchen leerte sich nach und nach, was seinen Satz noch unterstrich. Ich war auch reichlich bett-bedürftig, hatte jedoch noch mindestens zwei Verabredungen vor mir: mit Anže und mit Sara, die ich nach einem knappen halben Jahr Facebook-Freundschaft zum ersten Mal sehen würde. Weil ihr Bus aber Verspätung hatte, wartete ich eine dreiviertel Stunde am und im Hotel Kompas, wo auch die Abreisezeit begann. Die amerikanischen Teams USA und Kanada packten ihre Sachen und fuhren nach Ljubljana zum Flughafen und auch Renndirektor Walter Hofer verstaute seine Taschen und Koffer in seiner Audi Limousine und fuhr davon. Kurz danach traf ein Bus ein „na, da wird sie ja jetzt wohl drin sein“, sagte mein positiv denkendes Ich. Doch weit gefehlt, keine Spur von Sara. Drei Minuten später aber schritt sie auf mich zu und entschuldigte sich zunächst ausgiebigst für die Verspätung. Doch als Planica-Kenner hatte ich dafür natürlich vollstes Verständnis.

Ungefähr eine Stunde würde sie Zeit haben und viel Lust aufs Laufen hatte sie nach dem Tag auch nicht mehr, also gingen wir ins Vopa. Auf dem Weg dorthin sprachen wir über einen Running Gag unter uns. Denn, als wir uns über Facebook über Planica 2015 unterhielten, stellten wir fest, dass wir beide am selben Abend und womöglich zur selben Zeit im Bor zu Abend gegessen hatten. Doch auch Face-to-Face ließ sich das Mysterium nicht vollständig aufklären – der verblassten Erinnerung sei Dank. In der Bar war außer uns fast niemand, sodass wir uns dort ungestört unterhalten konnten. Auch draußen auf der Terrasse waren viele Plätze frei – verhältnismäßig zumindest. Wir lehnten an der Theke und unterhielten uns über die Saison, Planica als Phänomen und auch über die Flüchtlingskrise. Sara ist ein neugieriger und interessierter Mensch – gerade, wenn es um Deutschland geht. Doch das behielten wir an diesem Wochenende der Prevc-Mania lieber für uns, entschieden wir.

Ich hatte ihr gerade erklärt, weshalb es eine gute Idee war, dass wir uns erst nachmittags trafen, als draußen vor der Tür ein Slowene mit einer Trompete stehen blieb. Voller Euphorie versuchte er eine weitere bekannte Melodie zu spielen, die »Planiške fanfare«, die aufgrund ihrer Kürze und Melodie an sich unverkennbar ist. Doch nicht alle Töne gelangen ihm, sodass ich lachen musste als Sara trocken meinte „üb‘ lieber noch ein bisschen“. So langsam wie noch nie nippte ich an meiner RedBull-Dose und hatte sie noch nicht mal zu zwei Dritteln leer, als Sara von ihren Freunden angerufen wurde. Sie waren wohl bereit zum Aufbruch und hatten noch mehr als zwei Stunden Autofahrt vor sich. Von daher bemühte ich mich etwas zügiger zu trinken, damit sie nicht allzu lange warten mussten. Ich begleitete sie zum Bus-Parkplatz und wir verabschiedeten uns aufs nächste Jahr. Im Nachhinein meinte sie zu mir, ich hätte so viel geredet. Durchaus ernst gemeint antwortete ich dann „da sei mal froh, dass wir uns am Sonntagnachmittag getroffen haben, normalerweise rede ich viel mehr“. Das wird sie dann wohl nächstes Jahr dann auch miterleben…

Ich checkte noch schnell meine Nachrichten, ob Anže sich gemeldet hatte. Er sei immer noch in Planica, schrieb er. Also ging ich zurück ins Apartment, um mir etwas Ruhe zu gönnen. Auch wenn ich den Verdacht hatte, das Vopa würde, wie letztes Jahr, wieder frühzeitig schließen, nahm ich mir vor, nochmal dorthin zu gehen. Das 1:1 meines DSC Arminia Bielefeld hatte ich über den Live-Ticker noch mitbekommen, doch dann fiel ich in einen kurzen Schlaf. Aus diesem weckte mich dann mein iPhone, denn es flatterte wieder mal eine Nachricht herein. »Ach, das wird sicher Anže sein«, dachte ich mir und tippte die Home-Taste an. Doch zu meiner Überraschung stand dort: „Nina Lussi: I might be over there later!“ Ich hatte sie ein paar Stunden vorher gefragt, ob ich sie als Dank für ihre Teilnahme an meiner Bachelor-Befragung auf einen Drink im Vopa einladen könnte. Also noch eine Verabredung mehr an diesem Tag. Es war schon irgendwie komisch an dem Tag, wo alles wieder zur Normalität zurückkehren würde, noch so viel auf der Agenda stehen zu haben. Ich erzählte den Jungs davon und Brian meinte nur: „darauf ein Bier!“. Das passte auch, schließlich musste der Kasten vor Abfahrt noch geleert werden. „Mario, Yuki und Kimi kommen übrigens zum Abendessen“, meinte er dann noch. „Ja nice, dann gibt’s wohl nicht nur eine Kinderportion im Bor“, grinste ich.

Und so kam’s dann auch: bis auf Marc und Mario aßen wir alle ein Kinderschnitzel mit Pommes. „Was plant ihr denn noch so für den Abend?“, fragte ich. „Och, nix Großes“, meinten die Mädels. „Vielleicht noch nen Abschiedsdrink, aber auf dem Zimmer“, ergänzte Mario. „Ja, Vopa ist heute wohl eh sehr ruhig“, sagte Brian dann noch. „Na dann lasst uns den gleich nach dem Essen trinken, ich bin ja zumindest noch so halb verabredet…zweimal… ich bin verabredet“, lachte ich. Den Plan setzten wir dann auch so um und plauderten noch eine halbe Stunde, bevor ich mich dann auf den Weg machte. Ich konnte mir gerade so ein kleines Glas Rotwein bestellen, als Nina ins Vopa spazierte. Teamkollegin Nita Englund im Schlepptau. Ich musste dann doch kurz schlucken, ich war nicht vorbereitet und durchaus beeindruckt von ihrer Erscheinung.

Sie blickte sich scheinbar suchend um, was für mich das Signal war, auf sie zuzugehen und zu winken. Freundlich begrüßten wir uns und sie stellte Nita vor – was natürlich nicht zwingend notwendig gewesen wäre. „Cool euch kennenzulernen. Darf ich euch einen Drink spendieren?“, fragte ich. „Oh, sehr nett von dir, aber sicher“, antwortete Nina. Kurzes Schweigen, dann musste ich lachen. „Ihr müsst mir schon sagen, was ihr trinken wollt, ich kann schließlich keine Gedanken lesen.“ Dann mussten die Mädels auch lachen, das Wochenende hatte offensichtlich Spuren hinterlassen. Zwei Rotwein sollten es dann sein, „sehr gute Wahl“, bemerkte ich noch. Ich finde solche Begegnungen immer spannend, weil sich alle Beteiligten zunächst unsicher sind, wie sie sich verhalten sollen. Ein kurzes Schweigen oder unsicheres Lachen ist da etwas völlig menschliches und normales. Ich nahm deshalb die beiden Rotweingläser entgegen, bezahlte und lotste die beiden zu meinem Platz. Dort stießen wir an und begannen unser Gespräch. Natürlich ging es allen voran um das Wochenende und auch das Skifliegen, was Beide unheimlich gerne mal ausprobieren würden.

Ich interessiere mich aber auch generell für die Trainingsweise der Damen und deshalb fragte ich auch danach – bei den Amerikanerinnen ist das ohnehin sehr interessant, da sie weite Teile des Jahres in Slowenien verbringen und dort trainieren. Man schaue sich auch vieles von den männlichen Kollegen ab und ganz oben in der Beliebtheitsskala stehen Idole wie Simon Ammann und natürlich Noriaki Kasai. Nita und Nina wollten allerdings auch einige Sachen von mir wissen und als Nita schließlich fragte, woher Nina und ich uns denn kennen, kamen wir dann auch auf meine Bachelorarbeit zu sprechen. Ich erzählt grob, worum es ging und, dass Nina so freundlich war, mir meine Fragen zu beantworten. Nina wiederum fragte, ob ihre Antworten hilfreich waren und wie weit ich denn sei. Die Beiden fielen aus allen Wolken, als ich schließlich sagte, dass die Arbeit wohl rund 200 Seiten umfassen würde. Anerkennend lachten und nickten sie. „Aber wisst ihr, ich bin froh, dass ich hier mal nicht drüber nachdenken oder reden musste“, lachte ich schließlich. Die Beiden verstanden sofort und wollten dann wissen, wo ich leben würde und wie ich hierhergekommen sei. Und so erzählte ich ein wenig über meine Herkunft und natürlich wurde auch das Klischee als schnellste Autofahrer nicht ausgelassen. Ein wenig heikel wurde es dann, als Nina fragte, was ich denn in der vergangenen Nacht getrieben hatte. Ihr war wohl die etwas ungewöhnliche Uhrzeit meiner Nachricht nicht entgangen. „Na dreimal darfst du sagen, ich hab‘ gefeiert“, grinste ich. Es hätte eh keinen Zweck gehabt, nichts zu sagen. „Haha also ist bei dir heute auch Sonnenbrillen-Tag angesagt gewesen“, lachte sie. „Na klar, nur ohne Sonnenbrand und Erkältung“, antwortete ich. „Du Glücklicher, mich hat’s voll erwischt“, meinte sie leicht geknickt. „Wie jedes Jahr, oder?“, rutschte es mir raus. „Ja, irgendwie schon…“, zögerte sie und musste dann laut auflachen. Hier wird eben nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, glücklicherweise.

Ein paar Minuten später betraten zunächst Andreas Stjernen und dann Johann André Forfang die Bar. „Da schau an, hoher Besuch – und das am Sonntagabend“, meinte ich überrascht. Doch die Beiden waren nicht alleine da, sondern das gesamte Team samt Stab fand sich ein. Sie verteilten sich über die gesamte und genehmigten sich Drinks auf ihren Sieg im Nationencup. Natürlich wollte Nina auch mit den Jungs ein bisschen quatschen, so verabschiedete sie sich auf später. Nita fand mit Servicemann Thomas Hörl ebenfalls einen Gesprächspartner. Johann André Forfang steuerte zielstrebig auf den Hocker neben mir zu und setzte sich mit seinem Gin Tonic hin. Ich hing meine Jacke einen Haken weiter, sodass er bequem sitzen konnte und eröffnete das Gespräch. Im Laufe der letzten beiden Saisons war er zu einem meiner Lieblingsspringer geworden. Ganz einfach, weil das Springen bei ihm immer ungeheuer einfach aussah. Das konnte ich ihm dann auch endlich mal persönlich sagen, ich bewundere solche Fähigkeiten einfach ungemein. Er bedankte sich und als ich dann noch erwähnte, dass Toni Innauer als ZDF-Experte ihn auch in den höchsten Tönen gelobt hatte, musste er grinsen. „Das ehrt schon ungeheuer, wenn das so eine Legende sagt“, meinte er.

Weil wir dann eh irgendwie schon bei Deutschland waren, fragte ich, warum meine Landsleute wohl nicht so hundertprozentig mit der Letalnica klarkommen. „Schwierig zu sagen, ab und zu hauen sie ja mal einen raus“, meinte Johann. „Wahrscheinlich springen sie einfach noch zu sehr, sie müssten in diesen Flugmodus kommen und mit mehr Gefühl an die Sache herangehen“, lautete seine Theorie. „Gut, das mag sein. Am Anlauf kann’s jedenfalls nicht liegen, der ist der Großschanze ja ziemlich ähnlich“, meinte ich. „Ja schon, da hast du Recht. Aber wenn du es wirklich genau wissen willst, fragst du die Jungs am besten selber“, sagte Johann. „Aber mal ganz generell: wie empfindest du denn die Belastung für euch? Ist es zu viel oder könnte die Saison sogar noch länger sein?“, wollte ich wissen. „Ich empfinde es als verkraftbar. Ich hätte jetzt auch noch drei Wochen weiterspringen können, das ist alles eine Frage der Form“, meinte er. „Also gibt es auch nicht zu viele Skifliegen?“, fragte ich, weil es hin und wieder Diskussionen gab. „Im Gegenteil, ich hätte auch nichts gegen sechs Mal Skifliegen pro Saison, das würde es nur interessanter machen. Und letztendlich ist es jedem selbst überlassen, ob er alles mitnimmt an Wettkämpfen.“ Blitzgescheit, ehrlich, sympathisch und bodenständig, dieser junge Mann. Er wollte noch mit einem Freund quatschen, weshalb er sich später verabschiedete. In diesem turbulenten Abend vergaß ich dann glatt, dass ich noch ein Foto mit ihm machen wollte. Das steht dann auf der Agenda für nächstes Jahr.

Ich hatte nach dem vielen Talk etwas Durst und bestellte mir ein Bier, als ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter spürte. „Hey Luis, was geht ab?“, es war Maciej, seine Kumpels im Schlepptau. „Hi Jungs, cool, dass wir uns nochmal sehen. Ein Abschlussdrink gefällig? Schaut euch um, die Norges sind hier“, grinste ich. Die Anderen bestellten sich auch etwas, wir stießen an und schon schwärmten alle aus, um neue Gesprächspartner zu suchen. Ich klatschte mich mit Alex Stöckl ab, mit dem ich schon mehrfach das Vergnügen hatte. „Glückwunsch und danke für die Abwechslung! Nur die Slowenen-Hymne wäre etwas eintönig gewesen“, meinte ich im Scherz. „Danke dir! Dafür haben wir das ganze Jahr gearbeitet“, grinste Alex zurück. Auch mit ihm unterhielt ich mich für eine gute Weile über die Saison, das Skifliegen, das deutsche Team und über die Belastung für die Springer. Ganz locker und auch mit dem ein oder anderen Gag zwischendrin. „Du hättest auch einen guten Springer abgegeben, so schlank wie du bist“, sagte Alex. „Ja, das denke ich mir auch immer. Aber mir fehlen zwei Sachen: Training und Gelenkigkeit. Ich bin leider im Flachland aufgewachsen, zur nächsten Schanze ist es schon ein ganzes Stück“, sagte ich. „Aber vielleicht bringst du es ja zu einem guten Journalisten, du stellst auf jeden Fall kluge Fragen“, meinte er. „Danke dir, ja das hoffe ich doch. Für mich wäre es das Größte, euren Sport als Journalist zu begleiten und so herumzukommen.“ Er wurde dann von einem Mitglied der Delegation in ein Gespräch verwickelt, da tippte mich wieder jemand an. Auch der Herr war ein Norweger und wollte gerne an der Bar etwas bestellen. Er fragte, woher ich käme, da ich mich mit Alex auf Deutsch unterhalten hatte. „Fra Tyskland“, antworte ich in meinem begrenzten Norwegisch. Er lachte und fragte, ob ich auch ein Glas mittrinken würde. Er wollte eine Runde für seine Freunde ausgeben und ich gehöre nun dazu. »Der Abend ist jetzt schon viel besser als ich gedacht hatte, also sag‘ ich mal nicht nein«, dachte ich und bejahte. Auf Ex leerte ich das Glas, um festzustellen, dass es Whiskey und kein Rum war. „Mensch Luis, den trinkt man langsam und genießt ihn“, lachte Alex. „Danke für den Hinweis, merke ich selber auch gerade“, musste ich selber auch lachen.

„Hey, darf ich kurz stören?“, hörte ich eine weibliche Stimme auf Deutsch fragen. Ich drehte mich um und sagte „aber sicher, wie kann ich dir weiterhelfen?“. „Ich habe gesehen, wie du dich jetzt mit den Mädels und Alex Stöckl unterhalten hast. Du kennst scheinbar eine ganze Menge Leute“, sagte die Dame. „Naja eine ganze Menge ist immer relativ, aber ein bisschen kenne ich mich schon aus“, meinte ich. „Wer waren denn die beiden Mädels? Haben die auch was mit Skispringen zu tun?“, fragte sie. „Oh ja und wie! Das sind Nita Englund und Nina Lussi, Skispringerinnen aus den USA“, antwortete ich. „Ach nein?! Da schau her, die hätte ich jetzt nicht erkannt. Obwohl wir aus Bischofsgrün ja schon einige Damen bei Springen haben begrüßen dürfen“, meinte sie. „Ach, ihr seid aus Bischofsgrün? Ihr seid also quasi die, die dort die Damen-Springen im Sommer und im Winter machen“, sagte ich erstaunt. „Ja quasi und wir sind große Fans von den Japanerinnen und besonders Sara Takanashi“, sagte sie. „So klein ist die Welt! Und nach Planica wolltet ihr dann auch mal?“, fragte ich weiter. „Klar, das gehört dazu. Aber wir sind auch nicht zum ersten Mal hier, weil es hier einfach so toll ist“, meinte sie. „Da geht’s euch anscheinend genauso wie mir“, lachte ich. Bis sie und ihr Mann sich verabschiedeten traute ich mich nicht, nach dem Namen zu fragen. Das Gesicht war mir geläufig, doch, wie es manchmal eben ist, der passende Name dazu fehlte. Doch als sie schließlich nach meinem Namen fragte – wegen einiger Fotos und Informationen – kam eins zum anderen und wir sagten fast zeitgleich „ach jaa richtig, aus Facebook kenne ich deinen Namen.“ Was soll man noch sagen? Auch das ist wieder einmal – richtig geraten – typisch Planica.

Ich wollte mich gerade auf die Suche nach Nina machen, um noch ein gemeinsames Foto zu machen, da spazierte ein grinsendes Gesicht auf mich zu und Sekunden später lag ich mit Anže in den Armen. Er war sichtlich erfreut, dass wir uns doch noch treffen konnten. „Wer Freunde wie dich hat, braucht keine Fans“, sagte er und legte seinen Arm um meine Schultern. „Mensch, dass du nach dem Wochenende mit Auftritt, ohne Schlaf und etwas Alkohol noch so gut drauf bist“, grinste ich und er sagte „ja, das ist halt eben Planica“. Recht hatte er. „Ich hätte deinen Auftritt gestern gerne gesehen, aber es war irgendwie alles anders dieses Mal. War’s denn gut?“, fragte ich. Er lächelte nur und zückte sein Smartphone. „5.000 Leute, die nur mir zugehört haben. Das war das das größte Publikum überhaupt“, sagte er. Er hätte auch fast nur slowenische Lieder gespielt, das wäre vielleicht nicht ganz das Richtige für mich gewesen, ergänzte er. Um im nächsten Satz das wieder auf den Kopf zu stellen. „Aber weißt du was? Du bist wahrscheinlich mit der größte deutsche Slowenien-Fan und du wirst eines Tages auch ein slowenisches Mädchen heiraten.“ Sprach’s und verschwand kurz nach draußen, mit einer jungen Dame an der Hand. „Darf ich vorstellen? Das ist Mojca, meine zukünftige Ehefrau“, sagte Anže. „Ach stimmt, ihr seid verlobt…hatte Mike mir erzählt. Nur die besten Wünsche!“, sagte ich und gab Mojca die Hand. „Und du bist doch der, dessen Jacke ich vor zwei Jahren ruiniert habe“, sagte sie keck. „Ach du warst das? Wie klein doch die Welt ist“, musste ich laut lachen. „Ja, das war ich. Tut mir nochmal leid, es kommt nicht wieder vor“, „als hätte ich die Gefahr kommen sehen – ich habe meine Jacke schon in Sicherheit gebracht“ sagte ich und damit war das Thema auch gegessen.

An so einem geselligen Abend darf vor allem eines nicht fehlen: Gesang. Und Anže hatte als Anzhe natürlich einen Ruf zu verteidigen, also legte er in einem minimalen Moment des Schweigens los und haute mir auf die Schulter, was ich nicht missverstehen konnte. „Planica Planica snežena kraljica! Le kdo je ne pozna lepoto iz snega?“, spätestens da war vielen klar, welche Hymne angestimmt wurde und alle Textsicheren stimmten mit ein. „Skakalci kot ptice letijo pod nebo in slavo Planice v širni svet neso - Pozdrav neustrašnim junakom daljav, prijateljev strmih snežnih planjav! Slava, čast velja vsem skakalcem tega sveta! Junaki Planice letijo kot ptice, spet slava gre v svet za dolgo vrsto let! Planica, Planica, še pridemo nazaj, v Planico, Planico, pod Ponce v zimski raj!“ hallte es durch das gesamte Vopa und ein lauter Applaus brandete auf. Mojca schüttelte den Kopf und fragte: „woher kannst du den Text so gut? Und vor allem akzentfrei?“ Ich lachte: „naja, das Lied läuft bei mir jeden Tag. Und ich habe eine neutrale Aussprache, also kann ich eure Akzente mühelos aussprechen. Ganz einfach. Ich höre ja auch jeden Tag fast alle Lieder von Anzhe, ich finde sie einfach großartig. Egal, ob „V nebo“, „Dobro veš“ oder mein Liebling „Poganja me poet“. Auch wenn ich sie natürlich nur ein bisschen verstehe“, fügte ich an. „Hast du das gehört? Er ist noch ein viel größerer Fan von dir, als wir immer dachten“, steckte Mojca Anže, der selig lächelte. Man merkte ihm an, dass es ein langes Wochenende war und er sich nach etwas Schlaf sehnte. Schon bald verabschiedeten sich die Beiden und ich dachte auch so langsam an Bettruhe, so schön dieser Abend auch bis hierher war. „Wie spät ist es überhaupt?“, fragte ich mich und schaute, wie man das heutzutage eben so macht, auf mein iPhone. Viertel vor elf – „naja geht ja, also die Zeit vergessen ist dann doch was anderes“, dachte ich.

Ich wollte just Brians reingekommene Nachrichten beantworten, als mich wieder jemand ansprach. Ich blickte auf und vor mir standen zwei Mädels. Eins redete auf mich in Slowenisch ein und ich überlegte kurz, was ich tun würde. Aus Höflichkeit ließ ich sie ausreden und den Schwall über mich ergehen, bevor ich fragte: „entschuldige, ich spreche leider kein Slowenisch. Können wir vielleicht Englisch miteinander reden?“ „Oh ja, natürlich. Du bist also kein Slowene? Du siehst aber aus wie einer“, sagte sie. „So gern ich manchmal einer wäre...nein, ich bin kein Slowene. Ich bin Deutscher“, antwortete ich. „Ach okay…aber du bist doch auch Skispringer oder?“, fragte sie weiter. Ich musste grinsen. Mir wurden schon viele interessante bis lustige Fragen gestellt, aber das war eine neue Dimension. Kurz überlegte, was ich antworten würde und stellte spontan eine Gegenfrage: „Warum denkst du das?“, „weil du so dünne Beine hast“, sagte sie. „Das wird ja immer besser“, dachte ich. Dabei hatte ich extra eine bequeme und nicht allzu enge Jeans an… „Gut, erwischt. Aber ich bin kein Skispringer. Als mir die Natur diese Beine geschenkt hat, hat sie vergessen, mir eine Schanze in der Nähe meiner Heimat zu bauen“, antwortete ich schließlich wahrheitsgemäß. Sie wirkte etwas skeptisch. „Also so richtig glaube ich dir noch nicht. Aber wir sprechen uns später, ich muss mal wo hin“, sagte sie und verschwand mit ihrer Freundin. Ich schüttelte lachend den Kopf „what a crazy night“.

Und der nächste Zufall ergab, dass Nina mir noch über den Weg lief und wir so noch unser Foto, zusammen mit Nita, machen konnten. Alex Stöckl als durchaus talentierter Fotograf übernahm diesen Job und nach einem kurzen Check befanden wir das Ergebnis für gut genug. Nina meinte, sie wolle mal kurz nach draußen an die frische Luft. In der Zwischenzeit kamen die polnischen Jungs zu mir und bestellten sich neue Drinks. „Willst du auch mal unseren Nachbarn kennenlernen?“, fragte Maciej grinsend. „Da sage ich doch nicht nein“, und ging mit den Jungs mit. Paweł unterhielt sich mit einer blonden Frau auf Polnisch, nebenan stand der Nachbar. Der Weltmeister von 2009 und Namenspatron der größten Schanze in Einsiedeln – Andreas Küttel. „Das ist seine polnische Frau“, erklärte mir Maciej. „Ach da schau an, was man an so einem Abend nicht alles lernt“, lachte ich. Ich gab Andreas die Hand und sagte „jetzt hast du auch einen an der Backe, mit dem du Deutsch sprechen kannst.“ „Oder es zumindest versuchen kann, meinst du wohl“, lachte er. „Oder so“, nickte ich. In der Gruppe switchten wir auf Englisch zurück, das machte es für alle einfacher.

Nach ein paar Minuten tippte abermals jemand auf meine Schulter. Es war Brian, der mir den Schlüssel in die Hand drückte. „Tach auch, du Nachteule“, sagte er. „Jetzt weiß ich, was ich vergessen habe“, musste ich grinsen. „Kein Ding, wenn du uns nix zu trinken bringst, holen wir uns eben was“, sagte er. Mario hatte er auch dabei, der gleich mal an die Bar ging. „Und alles fit? Hier ist ja noch richtig was los“, fragte Brian. „Da sagst du was, da habe ich im Leben nicht mit gerechnet“, antwortete ich. „Nina schon getroffen?“, fragte er neugierig. „Ja, Nita ist auch da. Wir haben nen Gläschen zusammen getrunken, gequatscht und ein Foto gemacht. Frag‘ mich aber nicht, wo die jetzt steckt“, antwortete ich. „Na das ist doch was, Prost“, sagte er und wir drei stießen an. „Komm‘ wir gehen mal zu Evensen und Romøren“, sagte Brian zu Mario und sie schritten zur Tat. Auch ich ging auf das Podest, wo meine polnischen Freunde mittlerweile waren.

Dort stellte sich dann Przemek vor, der letzte, den ich noch nicht mit Namen kannte. So war die deutsch-polnische Familie komplett und darauf wurde auch direkt wieder das Planica-Lied gesungen. Und dann stand plötzlich wieder das slowenische Mädchen von eben vor mir und fragte: „sicher, dass du nicht doch ein Slowene bist?“. Ich lachte: „hundertprozentig!“ „Aber warum kannst du dann dieses Lied so gut?“, „weil ich es jeden Tag höre und der Text nicht so schwierig zu lernen ist“, antwortete ich. Sie wirkte immer noch etwas konfus und durcheinander. Kopfschüttelnd verabschiedete sie sich und verließ die Bar. Schon ulkig, das alles. Wir plauderten danach noch eine Weile, nach und nach wurde allerdings klar, dass sich die abermals großartige Zeit hier dem Ende neigen würde. Ein Gruppenfoto war natürlich Pflicht, dann war die Zeit der Abschiede gekommen. Die Norwegische Delegation hatte sich allmählich aufgelöst, sodass nur noch Alex Stöckl und Thomas Hörl übrig geblieben waren. Ich verabschiedete mich von den Beiden und Nita Englund, um dann schließlich zu den polnischen Jungs überzugehen. Shakehands, Umarmungen und ein „bis spätestens nächstes Jahr!“ gab es aller Orten. Mario und Brian waren auch bereit zum Aufbruch, sodass wir das Vopa für dieses Jahr verließen.

Es war halb eins, so spät hatte ich das Vopa an einem Sonntag noch nie verlassen. Der Getränkeausschank wurde mit 0 Uhr eingestellt. Im vergangenen Jahr war um 23 Uhr bereits Schicht im Schacht, nach dem Clásico zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Ball der einsamen Herzen, sagt man wohl zu einem solch verlassenen Sonntagabend in einer Dorfbar. Es war alles etwas anders heuer und vom Erlebnisfaktor war dieser Sonntag der beste Tag an einem tollen Wochenende. Noch beim Schreiben dieses Rückblicks kriege ich Gänsehaut und werde melancholisch, wenn ich denke, was ich alles erlebt habe. Nicht zuletzt fehlt mir dieser Trubel oftmals und solche Ort wie Kranjska Gora oder Hinterzarten vermisse ich oftmals. Umso mehr versuche ich es dann zu genießen, wenn ich dort bin. Eben weil es so spezielle Erinnerungen und Verbindungen sind, die mich mit diesen Orten verbinden. Und ich hoffe, es werden noch einige dazu kommen.



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